Ruhe und Muße – Energiebooster für Geist und Gehirn

„An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“  Søren Kierkegaard, dänischer Philosoph  (1813-1855)

 Müßiggang, das heißt das bewusste Abschalten, ist wie ausreichend Bewegung, ebenso gesund wie eine ausgewogene Ernährung und unsere sechs bis acht Stunden Schlaf. Beim Müßiggang unterstützen wir unseren Geist und das Gehirn. Indem wir Pausen, aber auch Tätigkeiten, die unsere Konzentration über längere Zeit bündeln, in unseren Alltag einbinden, bauen wir Stress ab, verarbeiten Informationen besser und lernen effektiver.

Der Strudel der Beschleunigungsgesellschaft

Versuche, in einer „Beschleunigungsgesellschaft“  Muße zu tun und zu entschleunigen, scheitern häufig, so der Soziologe Hartmut Rosa. 3 Stunden und 56 Minuten Freizeit haben die Deutschen im Durchschnitt. Mindestens die Hälfte dieser Zeit füllen vor allem junge Menschen mit Medienkonsum auf Facebook, Youtube, Instagramm u.ä.. (Studie GfK, 2014) Berufstätigen Menschen fällt es zunehmend schwer, die Arbeit ruhen zu lassen. Die Zeit mit der Familie und Freunden, Hobbys oder Verabredungen zum Essen, Unternehmungen, die eigentlich Spaß machen sollten, werden nicht selten als Freitzeitstress empfunden. Begleiten Gefühle von Zeitdruck und Hektik auch die Freizeit, fühlt man sich auf Dauer erschöpft und ausgebrannt.

Revival des Müßiggangs

Umso wichtiger ist ein Revival des Müßiggangs. Die Bildschirme ausschalten und in bewegten Zeiten einfach von seinem „Recht auf Faulheit“ Gebrauch machen. (Das Recht auf Faulheit, Paul Lafargue, 1883.)

Wie Søren Kierkegaard schreibt, muss Müßiggang keineswegs langweilig sein, und trotzdem hilft er dem Gehirn abzuschalten, sich zu regenerieren, Stress abzubauen und auf neue Ideen zu kommen. Denn neue Ideen entstehen nur, wenn man sie nicht erzwingt oder plant. So kam Isaac Newton der geniale Einfall zu seiner Gravitationstheorie, als er im heimischen Obstgarten versonnen einen Apfel betrachtete.

Der Philosoph René Descartes hatte seine besten Gedanken morgens nach dem Aufstehen. Er sann seinen Träumen nach und löste Rätsel im Kopf.

Newton und Descartes hatten allerdings den Vorteil, in einer langsameren, weniger mobilen Zeit ohne Autos, Flugzeuge und digitale Medien zu leben. Begriffe wie „Entschleunigung“ oder „digitale Diät“ gewinnen erst  im 21. Jahrhundert über 300 Jahre später an Bedeutung.

Drei Entschleunigungsstrategien für Urlaub im Kopf

  1. Entschleunigung durch digitale Diät

Der permanente Gebrauch von Smartphone und PC macht krank, sagt Alexander Markowetz, Autor des Buchs „Digitaler Burnout“ (Markowetz, 2015). Untersuchungen an seinem Institut haben gezeigt, dass Smartphoneuser die Bildschirme 88 Mal am Tag aktivieren. 35 Mal davon blicken sie kurz auf die Uhr. 53 Mal am Tag greifen sie auf Apps zu oder verfassen E-Mails und Nachrichten. Im Schnitt unterbrechen sie ihre Tätigkeit alle 18 Minuten, um aufs Handy zu schauen. Im Schnitt benutzen User das Smartphone zweieinhalb Stunden täglich.

Dabei handelt es sich aber nicht um reale Pausen, weil man nicht abschaltet, sondern im Gegenteil: die ständige Unterbrechung zerstückelt unsere Aufmerksamkeit.

Das führt zu kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und die Konzentration verschlechtert sich.

Die ständige Erreichbarkeit und Interaktion laugen uns auf Dauer aus. Psychische Erkrankungen sind auch Symptome der Digitalisierung, sagt Alexander Markowetz.

Es ist schwierig die Finger vom Handy zu lassen. Freudig erwarten wir Nachrichten von Freunden aus den sozialen Netzwerken. Jedoch müssen wir digitale Diäten in unseren Alltag einbauen, das Handy weglegen oder ausschalten, uns länger auf eine Sache konzentrieren, z.B. ein Buch lesen und feststellen, dass auch außerhalb der digitalen Welt unsere Freunde auf uns warten, die sich gerne real mit uns unterhalten.

  1. Entschleunigung durch Touren in Stadt und Natur

Die meisten Deutschen verbringen ihre Freizeit Zuhause, das zeigt eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung. Aktivitäten außer Haus sind seltener und finden hauptsächlich am Wochenende statt,  (Feier-)Abende werden meistens zwischen Haushalt, Familie und Fernseher verbracht (Vgl. Studie GfK, 2014).  Warum nicht einmal abends nach getaner Arbeit das Gewand des Flaneurs anziehen und eine halbe Stunde durch die Stadt wandeln? Der Flaneur ist eine literarische Figur, die durch Straßen und Passagen der Städte streift und sich durch die Menge treiben lässt. Er beobachtet Menschen und Orte. Das liefert Impulse zum Nachdenken, gibt Stoff zum Erzählen und fördert neue Gedanken und Ideen.

An Wochenenden können auch längere Touren zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf dem Land oder in den Bergen unternommen werden, um die Konzentration zu bündeln. Getreu dem Motto „der Weg ist das Ziel“ kommt man auf andere Gedanken und übt sich fernab von Lärm und Smog darin, konsequent ein Ziel zu verfolgen.

Das Gehirn kann bei solchen Touren im Leerlauf-Modus aktiv sein, um Erlerntes oder Erlebtes zu verarbeiten und die Synapsen können entsprechend neu zu sortieren.

  1. Entschleunigung durch Zeit für sich selbst

Zeit mit der Familie, den Kindern, den Eltern, alte Freunde treffen bedeutet Entspannung.  Viele Menschen verbringen die Freizeit gerne mit Menschen, die ihnen wichtig sind. Häufig vergessen sie darüber sich selbst. Das macht solche Termine auf Dauer belastend, weil der Geist auch Zeiten für sich ganz alleine braucht, um kreativ aufzutanken und auf neue Ideen zu kommen. Die Kreativitätslehrerin Julia Cameron rät, sich einmal in der Woche alleine ohne Begleitung auf den Weg zu machen, um kreative Impulse zu sammeln. Dieses wöchentliche Treffen mit sich selbst muss nicht lange dauern und nichts kosten, wichtig ist, dass es stattfindet. Es kann ins Straßencafé, in den Krimskramsladen, in eine Kunstausstellung oder einen Kinofilm führen. Die freigeschaufelten Stunden sind Zeit für sich, in der man spontan seinen Impulsen folgen kann und auf unerwartete Dinge stößt. Zeitdruck und Hetze lösen sich in diesen Momenten in Wohlgefallen auf und man gewinnt das Gefühl, die eigene Zeit selbst zu gestalten, zurück. Erfahrungen außerhalb des Gewohnten können inspirieren und auch die Gespräche mit der Familie und Freunden positiv befruchten.

Auf die Bremse zu treten und Muße zu tun führt, wie Kierkegard schreibt, zu einem „geradezu göttlichen Leben“. Müßiggang in den Alltag zu integrieren kostet nichts und ist in jedem Fall gewinnbringend für die mentale Gesundheit.

Quellen:

Julia Cameron: Der Weg des Künstlers.

Ulrich Schnabel: Die Wiederentdeckung der Muße. Auf http://www.zeit.de/2010/01/Die-Wiederentdeckung-des-Nichtstuns/komplettansicht

Ulrich Schnabel: Muße braucht Zeit. Auf http://www.zeit.de/2010/01/Interview-Rosa

http://www.droemer-knaur.de/buch/8571869/digitaler-burnout

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/alexander-markowetz-ueber-buch-digitaler-burnout-13825699-p4.html

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/alexander-markowetz-ueber-buch-digitaler-burnout-13825699-p4.html

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/digitaler-burnout-zu-viel-smartphone-macht-ungluecklich-a-1056361.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/hirnforschung-pause-macht-produktiv-a-707465.html

http://www.stiftungfuerzukunftsfragen.de/newsletter-forschung-aktuell/257.html

https://www.tao.at/2009/12/31/die-wiederentdeckung-der-muse/

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